Wie wäre eine Welt ohne Konjunktiv?

In seinem monumentalen, grandios gescheiterten, weil nie vollendeten und deshalb vielleicht sogar famos gelungenen Roman Der Mann ohne Eigenschaften sinnt Robert Musil über den Möglichkeitssinn nach. Es müsse ihn doch geben, schließlich gibt es ja auch Wirklichkeitssinn. Der Möglichkeitssinn besteht in der Fähigkeit, »alles, was ebensogut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist.« Verstehe man ihn recht, diesen Möglichkeitssinn, verwechsle man ihn also nicht mit der Flucht vor der Wirklichkeit, dann erkenne man in ihm »die noch nicht erwachten Absichten Gottes«.

Literarische Gedanken wie dieser können tief ins intellektuelle Fleisch schneiden. Junge Menschen sind gewiss empfänglicher dafür als ältere. Aber wem der Geist jugendlich geblieben ist, den fangen sie immer noch ein, denn es sind Träume der Freiheit. Der Sinn für Möglichkeiten steigt von der Erde in den Himmel und strömt Zukunft in die Gegenwart. Lust auf das Kommende, Lust auf Beginn.

In jungen Jahren flutete Zukunft meine Arterien bis in die entferntesten Kapillaren. Was wird, was könnte sein? Das war eine leidenschaftliche Frage. Das eine, das Futurum Eins, kam immer auch ein wenig ängstlich daher, das andere, der Konjunktiv, dagegen spannte sich elastisch auf Erwartung und Hoffnung. Heute ist mein mentales Klima gemäßigter. Und so stelle ich die Frage, die mich damals schon bewegte, heute auf einer Etage tiefer: Wie wäre eine Welt ohne Konjunktiv?

Was wäre, wenn es das ‚Was wäre‘ nicht gibt? Wenn wir Menschen das Mögliche nicht denken könnten? Dann wären wir auf den Indikativ genagelt, die Vergangenheitsform hätten wir noch in unserer Sprache, aber mehr wäre nicht. Eine Welt fest eingepflockt in Tatsachen. Stabil steht sie da in tief verankerten Fundamenten, Fakt auf Fakt geschichtet, sehr solide gebaut. Alles wäre so, wie es ist, Punktum. Man könnte nur sagen: das ist so und jenes so. Plus ein kleines Bündel Beziehungen zwischen den Dingen, vielleicht. Aber keine Räume von Alternativen, von Sehnsüchten, keine Welt, die zu entdecken, die zu erfühlen wäre. Wir Menschen wären in einer solchen nichtkonjunktivischen Welt ganz andere Wesen. Wahrscheinlich wären wir nie zur Wissenschaft gelangt, auch hätten wir noch nicht einmal die einfachste Mythologie erfinden können. Wir hätten keine Götter, wir hätten noch nie gestaunt. Und da das Staunen bekanntlich den Beginn des Philosophierens macht, würden wir kein eigenes Menschenbild entworfen haben. Wir stünden vor einem Spiegel und sähen ein fotographisches Abbild unserer selbst, das ein Automat von uns geschossen hat. Wir würden uns nicht verstehen können, uns selbst nicht und auch nicht die Anderen. Wir wären sprachbegabte Ameisen. Wir hätten wohl kaum Kriege unter uns angezettelt, wir hätten aber auch keine Illusionen und keine Musik. Es wäre ein jämmerliches Dasein in Friedfertigkeit.

Aber Halt!, das war Wertung. Das war mein Heute, Regiefehler. Zudem kam es aus knallhart indikativischer Ecke. Ich müsste denn zurück zur Vision einer Welt ohne Konjunktiv, und ich frage: Wie wäre es mit der Zukunft? – Nun denn, wir wüssten, dass es sie gibt, dass da also etwas kommt, aus der Zeit fliegt uns etwas an. Die Sonne geht auf und unter, es gibt Zeiten des Säens und Zeiten des Erntens, es gibt Jahreszeiten, auf das und noch auf viel mehr haben wir uns eingerichtet, wir stehen morgens genauso auf wir ihr, die ihr den Konjunktiv kennt. Doch wie wäre es mit der Lust, sich Zukunft zu gestalten? Sich hineinzustürzen in das Leben, sich umzuschauen im Betrieb der Welt, sich dort zu orientieren, sich einen Ort zu wählen, ihn dann zu besiedeln, welthaftes Individuum zu werden? Sich einzuschreiben in die Narrative der Welt, vielleicht gar mitzuknüpfen am Netz der Welt?

Ich glaube, jetzt würde geschwiegen mit verständnisleeren Augen. In einer Welt ohne Konjunktiv gäbe es keine Lust an der Zukunft. Dort wäre Zukunft die kommende Kette von Ereignissen. Sie kämen wie von einer Kanone aus der Zukunft abgeschossen auf uns zu, oder – umgekehrt betrachtet – wir hoppelten verständnislos von einem Jetzt zum nächsten. Der Möglichkeitssinn hingegen legt sich Zukunft anders aus: in Linien, die wir gerade erst beginnen. Immer ziehen wir von einem Nullpunkt aus in die Welt. Überall ereignen sich Geburten. Jeder Schritt eine Natalität und deshalb ein quirliges Wagnis. Und das schäumt Lust und Leidenschaft auf, aber auch Sentimentalität und Melancholie, schließlich ist der wirkliche Mensch ja immer auch geerdet und weiß um die verpassten Möglichkeiten. Der Möglichkeitssinn trägt Gefühle ja auch in die Vergangenheit hinüber. Unser Leben füllt sich mit Leben, mit dieser unruhigen, hungrigen, sprudelnden, stets mit sich selbst experimentierenden Vitalität. Und mit einem Geist, der auch die Andacht kennt, die stille Stunde, das Innehalten, wenn er vor sich selbst tritt und – nachdenkt. Der das alles einsammelt, all die Splitter eines ganzen Lebens, der dann ein Bild daraus formt und es durch die Generationen reicht. Ständig verändert sich dieses Portrait des Menschen, das zudem aus vielen einzelnen Mosaiken komponiert ist, unregelmäßig und mit Leerstellen dazwischen, es flimmert vor unseren Augen. Und dennoch wollen wir es lesen, wie anders könnten wir uns verstehen lernen? Wir suchen das volle Bild, das es in einer Welt ohne Konjunktiv nicht gäbe.

28.04.2017

PETER VOLLBRECHT