Wo sind wir, wenn wir lesen?

Keine Messe erfreut sich einer solch‘ medialen Aufmerksamkeit wie die der Bücher. Doch es sind nicht etwa triumphale Umsatzrekorde, die Schlagzeilen machen, eher umtreibt die Branche die Sorge um ein altehrwürdiges Kulturgut. Denn jedes Mal begleiten klagende Töne der Verleger die Gipfeltreffen in Leipzig und Frankfurt: es werde immer weniger gelesen! Eine Ermahnung an Elternhaus, Schule und Universität, ja an die Gesellschaft überhaupt: Mit dem Lesen stehe und falle die Mündigkeit des Bürgers. Eine Zivilgesellschaft ohne Leser? Undenkbar!

Tatsächlich wird nicht weniger gelesen, sondern einfach nur – anders. Man blättert weniger um, sondern scrollt die Threads hinauf und hinab. Der zuckende Daumen eilt hektisch über die Tastatur und erkämpft seinem Besitzer einen Moment an Aufmerksamkeit in einem Zeitfenster, das fast nur noch aus Gegenwart besteht. Ich sende, also bin ich, und wenn gleich eine Antwort kommt, so weiß ich: ich bin gelesen worden. Das Lesen ist zu einer sozialen Schlacht um Anerkennung geworden. Lesen und Senden sind die digitalen Balzfrequenzen eines Heute, das die Welt auf ein sensitives Jetzt zurückstutzt.

Neben den nervösen Twitter- und WhatsApp-Formaten, neben der Informationsküche der sozialen Netzwerke besteht aber weiterhin das tiefere Lesen. Es vollzieht sich in einer Stille, die zum Ohr wird für andere Stimmen, für fernere Zeiten und fremdere Räume. Das Lesen ist hier ein Welt komponierender Prozess, getrieben von Phantasie, Imagination und Empathie. Da entstehen Personen vor dem inneren Auge, oder ganze Landschaften von Sinnfeldern breiten sich vor den Lesenden aus. Neue Sichtachsen laden ein zu ungewohnten Verknüpfungen bekannteren Materials, Türen öffnen sich ins Unbekannte und Ungemessene. Bei alledem entsteht den Lesern ein geräumigeres Weltverständnis.

Soweit, so gut, aber mal ehrlich: eine Laudatio des Lesens in abgegriffenen Allgemeinheiten? Es riecht doch arg nach biederer Literaturdidaktik. Die Tiefe des Lesens liegt woanders. Also bitte authentischer erzählt! Schließlich ist man beim Lesen ganz bei sich, und das in einem Maße, dass man sich selbst dabei vergessen kann. Das auf Wirkung bedachte Ego tritt in den Hintergrund, das bedeutsame Leben tritt davor und entführt das Ich in andere Narrative. Dabei bin ich – na endlich, endlich zeigt er sich! – stets mit zwei Texten beschäftigt. Da ist zunächst der geschriebene Text, mag er poetisch, philosophisch oder auch wissenschaftlich sein. Er wirft in mir ein Echo und daraus entsteht ein zweiter Text, der Text meines Verständnisses. Und der ist mal farbiger und mal sprunghafter, selten ist er geschlossen, da verschlingen sich oft mehrere Linien, die ich nicht zu einem Strang flechten kann. Will ich mich näher an ihn heranzoomen, um ihn für mich und auch für andere zu verbalisieren, dann entrückt dieser zweite Text ins Undeutliche. Denn er hängt nicht in klaren Begriffen, eher sind es Bilder oder Ströme, die durch mein Bewusstsein gleiten, da ist alles in Bewegung, und jeder Versuch, die Inhalte in Aussagen und Urteile zu pressen, hinterlässt ein unbefriedigendes Gefühl fehlerhafter, unvollständiger Übersetzung.

Ich bin, bei Lichte betrachtet, allein mit meinem inneren Text, und ich bleibe es selbst dann, wenn mir ein Gespräch dabei hilft, ihn besser zu verstehen. Denn nun beginnt das Spiel mit dem doppelten Text erneut. Angenommen, wir haben uns mit jemandem über eine literarische Figur ausgetauscht, und dabei ist mir manches klarer geworden über, sagen wir, Andreas Egger in Robert Seethalers Roman Ein ganzes Leben. Ich habe Worte gefunden für die so seltsame, leidenschaftslose Existenz, in der ein Leben sich spürt, ohne Ansprüche an das Leben zu stellen, klaglos klein gehalten von einer bäuerlichen Welt zur Mitte des letzten Jahrhunderts, als der Geburtsort über das Lebensschicksal entschied. Ich bin also ins Gespräch gekommen über das kleine Meisterwerk dieses Wiener Autors, mit meinem Gegenüber bin ich eingetreten in die dichte Atmosphäre einer mir unbekannten Welt. Dennoch: ich begreife nicht, weshalb mich Andreas Egger so sehr berührt. In der Tiefe meiner Seele müssen sich Rezeptoren aufgestellt haben, die ich nicht kenne, Sinneszellen, die auf den literarischen Text ansprechen und dessen Bedeutsamkeit erkunden. So undeutlich und dunkel mir dieser innere Vorgang auch ist, mit einer fast strahlenden Evidenz weiß ich, dass dort mein innerer Text strömt. Er verbindet mich nicht nur mit Andreas Eggers Leben, er verbindet mich mit vielen anderen Figuren, denen ich im Laufe meines Lebens begegnet bin, realen wie literarischen Personen. Dabei sind es vor allem die letzteren, die, in meinen Weltknoten eingeflochten, meinen inneren Text über meine biographischen Grenzen hinaus dehnen. Die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verwischen sich, wenn es um die Bedeutsamkeit von Welt geht, in der sich der Sinn des eigenen Lebens spiegelt. – Wo sind wir, wenn wir lesen?

Tiefes Lesen kann zumindest einen kleinen Zipfel von einer solchen Weltverbindung erahnen lassen. Vielleicht liegt darin auch eine Erklärung des Umstandes, weshalb es dem Leser – nein, das sollte ich jetzt nicht sagen, es geht persönlicher – weshalb mir manchmal der Abschied aus einem Roman so schwer fällt. Das Ende des Romantextes schneidet mich aus meinem inneren Text heraus und wirft mich zurück in das besorgende Leben. Zurückgekehrt aus existenzieller Fülle in ein dürftigeres Narrativ. Aber – da blieb etwas zurück, ein schmaler Steg zu anderen Lesern, die eine stille Bewegtheit eint, ein zartes, wenig belastbares Band eines Einvernehmens. Die Utopie einer Gemeinschaft, jeder gute Text steht dafür ein, absichtslos, nur in einem Spiel von Wort und Klang, das Räume öffnet.

05.04.18

PETER VOLLBRECHT