Heidegger in schweren Zeiten?

Heimatverbundenheit und Bodenständigkeit sind Schlüsselworte in der Lebens- und Gedankenwelt Martin Heideggers. Es sind Worte, denen wir uns längst nicht mehr vorbehaltlos anvertrauen können, und zwar aus guten Gründen: Missbraucht in finstersten Zeiten haftet diesen Begriffen ein Geruch der Verdorbenheit an, ein Muff des Philiströsen und Engstirnigen, aus dem, wie wir gesehen haben und immer wieder sehen müssen, nur allzu leicht Ressentiment und Fremdenfeindlichkeit erwachsen. So ist zweifellos richtig: Nicht die fortschrittlichsten Kräfte unserer Zeit berufen sich auf diese Werte. —Denn wie soll man sich dazu bekennen, wenn ein Meer von Geflüchteten an den Außengrenzen Europas — herbe von uns zurückgewiesen — in Morast und verzweifelter Resignation versinkt? Zynisch erscheint es, von sozialer Zugehörigkeit, heimeliger Geborgenheit oder gar urwüchsiger Seinsnähe zu schwärmen, wenn immer mehr Menschen ihre Wurzeln kappen und zu Fuß ganze Kontinente durchqueren, um den elenden Zuständen ihrer Herkunfts- und Heimatorte zu entkommen. Weiterlesen Heidegger in schweren Zeiten?

Der soziale Körper muss gesunden

Europa ist stolz auf seine philosophische Tradition. Die Folgen jahrhundertelanger Gedankenarbeit und politischer Kämpfe: Wohl begründete Freiheitsrechte, Rechte des Einzelnen, gegründet auf ein Menschenbild, das mit dem Ausdruck „Sakralität der Person“ bestens auf den Begriff gebracht ist – anschlussfähig also mit der religiösen Überlieferung. Von Thomas Hobbes über John Locke und David Hume bis zu John Stuart Mill läuft eine Linie, die den Staat zum Garanten individueller Selbstentfaltung erkoren hat. Neben der pragmatischen angelsächsischen Tradition stützten Freiheitsdenker wie Spinoza und Kant die Forderungen nach Selbstbestimmung systematisch ab. Die Feier des Individuums prägt unsere westliche Lebensform. Wenn der Sinn der Politik die Freiheit ist, so deshalb, weil Freiheit dem Ich den Lebensraum gibt. Das Ich ist Angelpunkt unserer Wertewelt.

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„Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende“?

Das Zitat des heute kaum mehr bekannten Haudegens Ferdinand von Schill (6.1.1776 – 31.5.1809)[1] bei einer Ansprache auf dem Marktplatz von Arneburg an der Elbe am 12. Mai 1809 kommt heute wohl manchen in den Sinn. Ferdinand von Schill soll oft passende Worte gefunden haben, um die Menschen auf der Straße und die einfachen Leute anzusprechen. Man muss ihn deshalb nicht für einen Populisten halten. Doch wie dem auch sei, in Anspielung auf Psalm 73,19 rief der damalige Kommandeur eines Freicorps den Menschen in Arneburg zur Ermutigung zu: „Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.“ Weiterlesen „Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende“?

Angst

Ja, geben wir es uns zu, wir haben Angst. Überwiegend gilt sie nicht unserer eigenen Gesundheit, die jüngeren unter uns lassen kaum ja Symptome aufkeimen, und die Infektionsraten des Corona-Virus liegen immer noch im Promille-Bereich. Die Anderen sind nur statistisch gesehen eine Bedrohung. Aber diese ferne Bedrohung mutiert zu Angst-Szenarien an den Regalen der Supermärkte, der Börsenkurse, der einzelnen ungeschützten Existenzen von den Gastwirten bis zur Kreativwirtschaft. Die Angst frisst sich durch alle Bereiche unseres Lebens. Irgendwie ist etwas gewaltig in Unordnung geraten. Wir haben Angst um die Stabilität unseres Systems. Ganze Wirtschaftszweige können jetzt wegbrechen und für viele Jahre von der Bildfläche verschwinden. Die Welt von morgen, plötzlich können wir sie uns nicht mehr vorstellen. Aber gewiss ist, dass sie eine ganz andere Welt sein wird als die, die wir gewohnt sind. Weiterlesen Angst

Bleiben Sie gesund!

Corona lässt die Welt stillstehen. Unvorstellbar, noch vor einer Woche war ich in Rostock unterwegs, auf der Rückfahrt von einer Veranstaltung mit immerhin etwas über 50 Gästen. Danach ging alles ganz schnell, eine Meldung jagte die nächste und nun gilt es bereits herauszufinden, welche Geschäfte wann öffnen, ob wir unseren geliehenen Vertikutierer noch im Baumarkt abgeben können und welche Verabredungen der Kinder in dieser Woche wirklich notwendig sind. Weiterlesen Bleiben Sie gesund!

Kein Kinderspiel

In Australien brennt seit Oktober 2019 der Busch. Das passiert dort regelmäßig, aber das Ausmaß übertrifft diesmal alles bisher Dagewesene. Alleine im Bundesstaat New South Wales haben die Feuer bereits Wald in der Größe der Fläche Belgiens vernichtet, Tier- und Pflanzenwelt ebenso wie Häuser und Existenzen der Menschen zerstört. Immenses Leid und Schäden in Milliardenhöhe sind entstanden und ein Ende ist nicht in Sicht. Zeigt uns das im Brennglas, worauf wir auch in unseren Breiten zusteuern, wie eine kürzlich veröffentlichte Weltkarte bei einer Steigerung der Durchschnittstemperatur um 4 Grad prognostiziert?

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Müssen wir uns des Reisens schämen?

In den heißesten Tagen dieses Sommers ging es wieder auf Motorradtour. Sechs Tage, über die Großglockner-Hochalpenstraße nach Schloss Duino an die Adria, von dort durch die Dolomiten und über viele kurvige Pässe zurück. Insgesamt verbraucht: 80 Liter Benzin, diverse Plastikflaschen Mineralwasser und ja, Fleischgerichte waren auch dabei. Altherrentour zu zweit wie jedes Jahr, ein Stück gelebter Freiheit, die nur Bikerinnen und Biker nachempfinden können. Und genau diese Exklusivität macht die Motorradfreiheit auch ein wenig verdächtig.

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Endzeitstimmung

Seit über 30 Jahren ist der von Ronald Reagan und Michail Gorbatschow ausgehandelte INF-Vertrag in Kraft, der Amerikanern und Russen Produktion und Besitz atomar bestückbarer Mittelstreckenraketen verbot und damit uns Europäern eine rudimentäre Sicherheit vor einem Nuklearkrieg auf unserem Boden gewährte. Nach einer gliederreichen Kette wechselseitig erhobener Vorwürfe von Vertragsverletzungen kündigte Donald Trump das Abkommen Anfang Februar, was von russischer Seite bereitwillig und fast erleichtert wirkend aufgenommen wurde. Die Zeit läuft – in knapp vier Monaten wird die Kündigung wirksam. Wenige Optimisten hoffen noch auf eine Verlängerung oder sogar Erweiterung mit der Chance, weitere Atommächte wie Indien und China einzubeziehen; konkrete Schritte dazu sind nicht erkennbar.

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Der Blick aus dem Orbit

Im Dezember 1972 drückte der Astronaut Harrison Schmidt auf den Auslöser seiner Hasselblad-Kamera und schoss aus 45.000 Kilometern Entfernung ein Bild von der Erde. Nahezu wolkenfrei zeigt sich der afrikanische Kontinent vom Mittelmeer bis zum Kap der Guten Hoffnung, über dem Südpolarmeer tanzen weiße Wolkenfedern um die verschneite Antarktis. Blue marble, die Erde als eine blaue Murmel, das berühmteste aller Fotos von unserem Planeten.
Diese Bilder sind möglicherweise die wichtigsten Mitbringsel der Astronauten von ihren Mondflügen. Sie haben unseren Blick auf unser eigenes kosmisches Quartier verändert.

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