„How fragile we are!“

Ich hätte nicht gedacht, heute noch einmal im dichten Flockenwirbel übers Feld zu gehen. Schon dreimal nahm der Frühling Fahrt auf und veranlasste mit gewagten Temperaturen Primeln und Löwenzahn dazu, arglos ihre leuchtenden Blüten zu entfalten. Nun breitet sich eine frostig-weiche Schneeschicht darüber, die alle Farben verhüllt und den Vögeln Schweigen gebietet. Verhaltenes Piepsen hier und da, während Wildgänse und Entenpaare irgendwie ratlos am Bachufer herumstaksen, mit gedämpftem Elan und doch – wie mir scheint — in still harrender Duldsamkeit.

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„R-Wert“ und „Wahrheit“

Das Buch „Die Welt im Fieber“ der britischen Wissenschaftsjournalistin Laura Spinney, 2018 zum hundertsten „Geburtstag“ der spanischen Grippe erschienen, kann als Meilenstein der Beweisführung dafür gelten, dass eine Pandemie ohne dazugehörige Infodemie nicht zu haben ist. Diese schlägt sich selbst im Namen dieser letzten großen respiratorischen Seuche wieder: Ihr Ursprung liegt wahrscheinlich in einem US-Militärcamp in Kansas, unter Umständen sind wir auch in der Verlegenheit, ihn nicht genau lokalisieren zu können. Dass sie aus Spanien kommt, gilt als ausgeschlossen.  

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Stolpernde Einsichten und Knitterfalten des Denkens.

Es war nur eine Postkarte über einem Schreibtisch, eine Postkarte, die in einem Interview erwähnt wurde – selbst ohne jede Bedeutung, sondern eher um eine Geisteshaltung des Interviewten zu illustrieren, die den Interviewer offensichtlich irritierte. Wer diese beiden Gesprächspartner waren, habe ich vergessen. Es war und ist nicht wichtig: „Ich habe kein Recht auf die Konsequenzen meines Tuns“ – das stand auf dieser Karte. Zunächst überlas ich diesen Satz und wollte mich auf den Weg in den nächsten Absatz machen, stockte dann aber, stolperte über meine eigenen Gedanken, die sich nicht mehr sicher waren, welchen Weg sie nehmen sollten. Was war passiert?

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Wer ist „Querdenker“?

Schwäbologische Ergänzungen

Unter dem Titel „Querdenker“ hat eine Bewegung aus Baden-Württemberg bundesweit für Furore gesorgt. Während im Rest der Republik ein gewisses Unverständnis herrscht, weshalb die Schwaben ihr zuletzt am Großprojekt „Stuttgart 21“ neu belebtes „Wutbürgertum“ mit missionarischem Eifer über die Landesgrenzen streuen, macht aufmerksame „Einheimische“ ein anderer Aspekt stutzig: Der Titel „Querdenker“ ist im Schwabenland alles andere als eine positive Zuschreibung. Nennen wir Schwaben jemanden einen „Querdenker“, dann kommt dies unter keinen Umständen einer Anerkennung seiner Erkenntnis- und Orientierungsfähigkeiten gleich. Im Gegenteil: Diese Bezeichnung verdient sich, wer unter allen Umständen und trotz aller Informationen an einer Meinung festhält.

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Wem die Stunde schlägt

Den Soundtrack dieser letzten Tage des Jahres produziert für mich das Martinshorn der Notarzt-, Rettungs- und Krankenwagen, das mich mittlerweile auf jedem Mittagsspaziergang zu begleiten scheint. Der Heulton mag wohl für manche, deren Notlage er gilt, das Vorspiel zum Rhythmus des Beatmungsgeräts oder gar zur Totenglocke bedeuten und so wandern meine Gedanken zum Satz „Wem die Stunde schlägt“. Dieser erinnert mich (als Nebenfach-Anglist) weniger an den Titel des Romans von Ernest Hemingway über den spanischen Bürgerkrieg, den darauf basierenden Kinofilm oder den gleichnamigen Metallica Song, sondern vordringlich an ein Werk des englischen Dichters John Donne (1572-1631).

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Die Rechte der Natur

Seit der Publikation der »Grenzen des Wachstums« (Denis Meadows/Club of Rome) im Jahr 1972 haben viele Staaten umweltpolitische Maßnahmen in Gesetzen verankert. Doch den fortschreitenden Trend zur Kontamination der Umweltmedien (Wasser, Luft und Böden) wie auch zum großen Artensterben haben sie nicht umkehren können. Die Gründe dafür sind bekannt. Auch die Hoffnungen, es könnten freiwillige Selbstverpflichtungen der Industrie, des Handels und des Konsums eine Trendumkehr bewirken, haben sich als substanzlos erwiesen. Gegenwärtig setzen die Politik und die Wirtschaft auf smarte Technologien, mit denen der Verbrauch an natürlichen Ressourcen reduziert werden soll. Doch bislang hat sich jeder technische Fortschritt als energiehungrig erwiesen.

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Die Kunst des Wegsehens

Vor vierhundert Jahren forderte Galileo Galilei die Philosophen der Universität Padua auf, durch sein selbstgebautes Fernrohr zu schauen, um die Jupitermonde zu betrachten. Nicht weniger als das letzte kosmologische Privileg der Erde stand auf dem Spiel. Denn auch wenn unter den Gelehrten Europas weitgehend Einigkeit herrschte, dass die Erde nicht im Mittelpunkt des Universums steht, so könne sich wenigstens kein anderer Himmelskörper mit einem Mond schmücken.

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Die Nacht, in der das Fürchten wohnt…

Die letzten Wochen und Monate waren in der Tat ein Ausnahmezustand und vielleicht ist die Gegenwart noch immer eine Ausnahme von der Regel, als Beginn von etwas, das sich den Namen Normalität noch nicht verdienen konnte. Ein Leben auf schwankenden Eisschollen, der Soziologe Hartmut Rosa würde sagen auf „rutschenden Abhängen“, aber vielleicht auch – zumindest für Momente –  ein Tanz auf den Wellen.

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Wirkliche Anerkennung

Die nach dem Anlaufen der ersten Corona-Woge offenbar überraschend als „systemrelevant“ erkannten, als „Heldinnen und Helden des Alltags“ apostrophierten und abendlich beklatschten Pflegekräfte erhalten eine offizielle Anerkennung: einen einmaligen Bonus von maximal 1.500 €, allerdings beschränkt auf die in der Altenpflege Tätigen – die Krankenhausbeschäftigten bleiben mit dem Argument, sie verdienten schon jetzt besser, außen vor. Dabei gingen gerade sie ein hohes Risiko ein: viele Tausende Beschäftigte in Krankenhäusern und Arztpraxen infizierten sich mit SARS-CoV-2 – nicht bei Familienfeiern oder Ballermann-Partys, sondern in ihrer systemrelevanten Arbeit.

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Gefühlte Hilflosigkeit

Noch bevor die Auswirkungen des Klimawandels nicht nur lokal, sondern für alle massiv spürbar werden, hat eine Pandemie mit enormen Ausmaßen von Infizierten und Todesfällen die Welt überrascht. Die gegen sie initiierten Maßnahmen setzen vielerorts das für normal Gehaltene außer Kraft. Plötzlich wirkt es, als herrschten in einer liberalen, die individuelle Autonomie als höchsten Wert propagierenden Gesellschaft nur mehr die staatlichen Organe darüber, wie sich unser Alltag gestaltet. Weiterlesen Gefühlte Hilflosigkeit