Kein Pappenstiel

Der Ford Explorer zwängt sich noch so eben durch die schmale Einfahrt, parkt mitten im Garagenhof. Herr X steigt aus, begrüßt die dort Wartenden, mich zuletzt. Zu diesem Zweck rückt er ganz nah an mich heran, berührt mich fast, so dass ich unweigerlich im spitzen Winkel emporblicken muss, zu ihm, dem Zwei-Meter-Mann. Eine Drohgebärde, wie ich sofort begreife, als der knappen Begrüßung harsche Worte folgen – über inadäquate Garagennutzung und unerlaubtes Rauchen auf dem Balkon. Weiterlesen Kein Pappenstiel

Der Glanz des ganz normalen Alltags

Die Ferien sind vorbei, seit ein paar Tagen herrscht wieder Alltag, gar nicht so einfach, sich nach (doch nur) zwei Wochen zurück in eine Welt zu holen, in der klare Zeiten den Takt vorgeben, gemeinsam gegessen werden will, zu bestimmten Zeit Sport und zu anderen Musik gemacht wird – vorgegebene Strukturen, die für eine kurze Auszeit mit völliger Abwesenheit geglänzt haben. Weiterlesen Der Glanz des ganz normalen Alltags

Wie wäre eine Welt ohne Konjunktiv?

In seinem monumentalen, grandios gescheiterten, weil nie vollendeten und deshalb vielleicht sogar famos gelungenen Roman Der Mann ohne Eigenschaften sinnt Robert Musil über den Möglichkeitssinn nach. Es müsse ihn doch geben, schließlich gibt es ja auch Wirklichkeitssinn. Der Möglichkeitssinn besteht in der Fähigkeit, »alles, was ebensogut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist.« Verstehe man ihn recht, diesen Möglichkeitssinn, verwechsle man ihn also nicht mit der Flucht vor der Wirklichkeit, dann erkenne man in ihm »die noch nicht erwachten Absichten Gottes«. Weiterlesen Wie wäre eine Welt ohne Konjunktiv?

Geraniengerangel

Ich bin hoffnungslos von gestern. Worte wie Lauben- oder Lindengang kenne ich allenfalls  aus der Lyrik Goethes oder der Romantiker. Sie rufen in mir milde Bilder von beschatteten Wegen, von flirrenden Sonnenflecken in weiten Parklandschaften oder stillen dörflichen Gärten hervor. Vermutlich wegen dieser eher unzeitgemäßen poetischen Neigung hat es mich eiskalt erwischt, als ich plötzlich eines dieser wundersamen Worte in einem nüchtern-prosaischen Anwaltsbrief zu lesen hatte. Weiterlesen Geraniengerangel

Europa als Widerlegung des Kulturpessimismus. Eine Erwiderung auf die „Gallige Polemik“

Ja, es gibt sie, sie werden immer wieder nachgeboren, sie sterben nicht aus: die Pessimisten. Sie sind die Pannenbuchhalter des Weltbetriebes. Penibel und humorlos listen sie die Skandale auf, halten die Erinnerungen an Seilschaften wach, sie summieren Fakt um Fakt. Ziehen dann große Zusammenhänge und schwärzen schließlich alles ein. Lustvoll geben sie sich der Hoffnungslosigkeit hin, mal heroischer und mal serviler, je nach Temperament. Weiterlesen Europa als Widerlegung des Kulturpessimismus. Eine Erwiderung auf die „Gallige Polemik“

Zum Teufel mit dem Glück! Eine gallige Polemik

Neulich streifte ich mal wieder durch eine Bahnhofsbuchhandlung. Wie immer, wenn mein Zug Verspätung hat, und das geschieht zum Glück häufig. Was müssen die Menschen doch unglücklich sein, dachte ich angesichts der dort gestapelten Glücksratgeber, unter denen sich die Tische bogen. Die Regeln des Glücks liegen dort auf, mit dem Glück, das bleibt, gelingen Beziehungen besser, das Yoga-Glück sucht seine Inspirierten. Welch‘ reißender Absatz! Man kauft ja, wessen man bedarf. Kein Glücklicher wird da blättern, kein Erfolgreicher, der nach einer Anleitung zum positiven Denken greift. Die Büchertische verkünden: Wir leben in einem Jammertal psychischen Elends. Weiterlesen Zum Teufel mit dem Glück! Eine gallige Polemik

Und täglich grüßt das Trumpeltier

Meistens steht mein Handy auf „tonlos“. Zum Glück! Vergesse ich es, so kann ich neuerdings absolut sicher sein, dass die erste Nachricht jedes noch so jungen Morgens mir den Anblick Donald Trumps in mein schonend abgedunkeltes Schlafgemach hinüberträgt. Bevor ich noch am ersten Kaffee genippt und das Kissen geschüttelt habe, erscheint auf dem Handydisplay  ein skurriles Frühstücksgedeck aus Banane, Fleischwurst- und Salamischeiben, kunstvoll arrangiert zu einem Porträt des 45. Weiterlesen Und täglich grüßt das Trumpeltier

Ein umstrittener Ort der Freude.

Seit fast vier Wochen hat Hamburg ein neues Gesicht. Ein freudiges, stolzes, weltoffenes Juwel strahlt an den Ufern der Elbe – wie ein kraftvolles Symbol für dieses neue und ungewisse Jahr, als wollte es nach all der Zeit der Ungewissheit, des Leidens, der Kritik und den offensichtlichen Fehlplanungen zum Trotze mit einem triumphierenden Lächeln erklären: „Ja, wir haben es geschafft“ – „Yes, we can.“ Weiterlesen Ein umstrittener Ort der Freude.

Überraschend einfach – und doch unheimlich selten: Mensch mit Menschen sein. Eine Kolumne von der Art einer rationalen Meditation

Unerwartete Interpretationen faszinieren mich immer aufs Neue; das bringt – wen nimmt es Wunder – das Unerwartete so mit sich. Gerade lese ich Meister Eckhart. Er ist mir Vorbild ohnehin; und hier nun erster Beispielgeber. Weiterlesen Überraschend einfach – und doch unheimlich selten: Mensch mit Menschen sein. Eine Kolumne von der Art einer rationalen Meditation

Wer ist das Ich in meinen Erinnerungen?

Wer kennt sie nicht, die kurzen, wie aus dem Nichts aufsteigenden Bilder einer Erinnerung? Sie kommen stets als Einzelne, ihre Ränder unscharf, deutlich nur die Bildmitte. Kein Erzählfluss verleiht ihnen Bedeutung, indem er sie mit anderen Erinnerungsstücken verbindet, auch bebildern sie keinen Text, denn der ist zu lange schon verblasst in tiefer Vergangenheit, sie tauchen einfach auf und verschwinden ohne Spur. Weiterlesen Wer ist das Ich in meinen Erinnerungen?