Der Blick aus dem Orbit

Im Dezember 1972 drückte der Astronaut Harrison Schmidt auf den Auslöser seiner Hasselblad-Kamera und schoss aus 45.000 Kilometern Entfernung ein Bild von der Erde. Nahezu wolkenfrei zeigt sich der afrikanische Kontinent vom Mittelmeer bis zum Kap der Guten Hoffnung, über dem Südpolarmeer tanzen weiße Wolkenfedern um die verschneite Antarktis. Blue marble, die Erde als eine blaue Murmel, das berühmteste aller Fotos von unserem Planeten.
Diese Bilder sind möglicherweise die wichtigsten Mitbringsel der Astronauten von ihren Mondflügen. Sie haben unseren Blick auf unser eigenes kosmisches Quartier verändert.

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Die letzten Trümpfe der Menschheit

Manchmal überfällt mich nachts ein Schemen, ein Bild, ein Gedanke gar und reißt mich aus dem Schlaf. Dann formt sich, scheinbar von ganz allein, ein Text. Heute Morgen um fünf Uhr öffnete sich das Fenster der Erinnerung und ich saß mit zwei Gästen in meiner Wohnung in New Delhi. Beide waren zu Kurzzeitdozenturen an die Universität gekommen, wo ich als DAAD-Lektor deutsche Kultur und Philosophie unterrichtete. Der Leibniz-Kenner Hans Poser von der Freien Universität Berlin war der eine, den Namen des anderen erinnere ich nicht mehr, wohl aber, dass ich von ihm tief beeindruckt war, weil er seine Auszeit von akademischen Pflichten mit der Lektüre von Thomas Manns Joseph-Roman füllte. Und klar und deutlich stieg mir heute Nacht das Thema jenes Abends vor Augen. Vor einem Vierteljahrhundert machte eine neue ökologische Idee die Runde: das Handeln mit CO2-Zertifikaten. Weiterlesen Die letzten Trümpfe der Menschheit

Wo sind wir, wenn wir lesen?

Keine Messe erfreut sich einer solch‘ medialen Aufmerksamkeit wie die der Bücher. Doch es sind nicht etwa triumphale Umsatzrekorde, die Schlagzeilen machen, eher umtreibt die Branche die Sorge um ein altehrwürdiges Kulturgut. Denn jedes Mal begleiten klagende Töne der Verleger die Gipfeltreffen in Leipzig und Frankfurt: es werde immer weniger gelesen! Eine Ermahnung an Elternhaus, Schule und Universität, ja an die Gesellschaft überhaupt: Mit dem Lesen stehe und falle die Mündigkeit des Bürgers. Eine Zivilgesellschaft ohne Leser? Undenkbar!

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Seid neugierig! Zum Tod von Stephen Hawking

Er spricht mit einer Stimme flirrenden Metalls. Sein Kopf ist zur Seite gesunken, der Unterkiefer hängt, als sei er aus dem Mund gefallen, keinen Muskel kann er mehr bewegen. Als er, schon längst an den Rollstuhl gefesselt, durch einen Luftröhrenschnitt seine Stimme verlor, kommunizierte er mit der Wissenschaftsgemeinschaft über seinen Sprachcomputer, zunächst kommandierte er ihn mit seiner schwachen Hand, und als die ihren Dienst versagte, mit seinem Augenspiel. Er ließ sich einfach nicht unterkriegen, seine Krankheit habe ihm die Augen dafür geöffnet, was er mit seinem Leben noch alles anfangen wolle, schrieb er einmal über sich.  Weiterlesen Seid neugierig! Zum Tod von Stephen Hawking

Leitkultur? Ja oder nein, deutsch oder europäisch?

Letzten Sommer unternahm ich mit meiner Tochter eine mehrtägige Radtour entlang der Elbe. Sattgrüne Flussauen, hochwassertauglich, hier atmet man noch Insekten ein. Ruhig fließt das schwärzliche Wasser, in dem sich vereinzelte Strudel drehen. Der Weltbetrieb scheinbar Lichtjahre entfernt. Kleine Dörfer mit verfallenden Häusern, überwuchert von verwilderten Gärten, die Natur kehrt zurück. Kein Mensch zeigt sich auf der Straße, und wenn Laute vernehmbar sind, dann kommen sie gedämpft aus einem geöffneten Fenster. Ein Gespräch? Nein, es legt sich Musik darüber, es ist nur der Fernseher, die Sprache entstammt einem fremden Drehbuch. Heimat? Viele scheinen Reißaus genommen zu haben von ihr.

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Wie wäre eine Welt ohne Konjunktiv?

In seinem monumentalen, grandios gescheiterten, weil nie vollendeten und deshalb vielleicht sogar famos gelungenen Roman Der Mann ohne Eigenschaften sinnt Robert Musil über den Möglichkeitssinn nach. Es müsse ihn doch geben, schließlich gibt es ja auch Wirklichkeitssinn. Der Möglichkeitssinn besteht in der Fähigkeit, »alles, was ebensogut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist.« Verstehe man ihn recht, diesen Möglichkeitssinn, verwechsle man ihn also nicht mit der Flucht vor der Wirklichkeit, dann erkenne man in ihm »die noch nicht erwachten Absichten Gottes«. Weiterlesen Wie wäre eine Welt ohne Konjunktiv?

Europa als Widerlegung des Kulturpessimismus. Eine Erwiderung auf die „Gallige Polemik“

Ja, es gibt sie, sie werden immer wieder nachgeboren, sie sterben nicht aus: die Pessimisten. Sie sind die Pannenbuchhalter des Weltbetriebes. Penibel und humorlos listen sie die Skandale auf, halten die Erinnerungen an Seilschaften wach, sie summieren Fakt um Fakt. Ziehen dann große Zusammenhänge und schwärzen schließlich alles ein. Lustvoll geben sie sich der Hoffnungslosigkeit hin, mal heroischer und mal serviler, je nach Temperament. Weiterlesen Europa als Widerlegung des Kulturpessimismus. Eine Erwiderung auf die „Gallige Polemik“

Zum Teufel mit dem Glück! Eine gallige Polemik

Neulich streifte ich mal wieder durch eine Bahnhofsbuchhandlung. Wie immer, wenn mein Zug Verspätung hat, und das geschieht zum Glück häufig. Was müssen die Menschen doch unglücklich sein, dachte ich angesichts der dort gestapelten Glücksratgeber, unter denen sich die Tische bogen. Die Regeln des Glücks liegen dort auf, mit dem Glück, das bleibt, gelingen Beziehungen besser, das Yoga-Glück sucht seine Inspirierten. Welch‘ reißender Absatz! Man kauft ja, wessen man bedarf. Kein Glücklicher wird da blättern, kein Erfolgreicher, der nach einer Anleitung zum positiven Denken greift. Die Büchertische verkünden: Wir leben in einem Jammertal psychischen Elends. Weiterlesen Zum Teufel mit dem Glück! Eine gallige Polemik

Tödliches Plastik oder: Die toten Schildkröten am Strand von Mahabalipuram

Sie liegen an den Stränden Indiens, die großen Schildkröten, fast einen Meter groß sind die Viecher. Manche schaffen es, ihre Eier zu vergraben, manche aber liegen tot auf dem Sand. Die Krähen haben ihnen die Augen und das Gehirn ausgepickt, mitunter ist der Kopf völlig skelettiert. Erschüttert umkreise ich eine, da erkenne ich zwischen den Beinen ein Plastikseil eines zerrissenen Fischernetzes. Weiterlesen Tödliches Plastik oder: Die toten Schildkröten am Strand von Mahabalipuram

Die magischen Momente der Politik. Ein Plädoyer für politische Mythen

Abschiede sind hochemotionale Momente. Sie ergreifen, weil sie eine gemeinsam erlebte Zeit auf einen einzigen Punkt verdichten. Wir oder ich – und sie oder er, vorbei. In Abschieden schichten sich vergangene Geschichten auf, Gewonnenes zerrinnt oder bleibt aufbewahrt für die Erinnerung, und das Verpasste hinterlässt eine schmerzhafte Spur. Weiterlesen Die magischen Momente der Politik. Ein Plädoyer für politische Mythen