Kolumnen

Müssen wir uns des Reisens schämen?

In den heißesten Tagen dieses Sommers ging es wieder auf Motorradtour. Sechs Tage, über die Großglockner-Hochalpenstraße nach Schloss Duino an die Adria, von dort durch die Dolomiten und über viele kurvige Pässe zurück. Insgesamt verbraucht: 80 Liter Benzin, diverse Plastikflaschen Mineralwasser und ja, Fleischgerichte waren auch dabei. Altherrentour zu zweit wie jedes Jahr, ein Stück gelebter Freiheit, die nur Bikerinnen und Biker nachempfinden können. Und genau diese Exklusivität macht die Motorradfreiheit auch ein wenig verdächtig.

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Endzeitstimmung

Seit über 30 Jahren ist der von Ronald Reagan und Michail Gorbatschow ausgehandelte INF-Vertrag in Kraft, der Amerikanern und Russen Produktion und Besitz atomar bestückbarer Mittelstreckenraketen verbot und damit uns Europäern eine rudimentäre Sicherheit vor einem Nuklearkrieg auf unserem Boden gewährte. Nach einer gliederreichen Kette wechselseitig erhobener Vorwürfe von Vertragsverletzungen kündigte Donald Trump das Abkommen Anfang Februar, was von russischer Seite bereitwillig und fast erleichtert wirkend aufgenommen wurde. Die Zeit läuft – in knapp vier Monaten wird die Kündigung wirksam. Wenige Optimisten hoffen noch auf eine Verlängerung oder sogar Erweiterung mit der Chance, weitere Atommächte wie Indien und China einzubeziehen; konkrete Schritte dazu sind nicht erkennbar.

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Der Blick aus dem Orbit

Im Dezember 1972 drückte der Astronaut Harrison Schmidt auf den Auslöser seiner Hasselblad-Kamera und schoss aus 45.000 Kilometern Entfernung ein Bild von der Erde. Nahezu wolkenfrei zeigt sich der afrikanische Kontinent vom Mittelmeer bis zum Kap der Guten Hoffnung, über dem Südpolarmeer tanzen weiße Wolkenfedern um die verschneite Antarktis. Blue marble, die Erde als eine blaue Murmel, das berühmteste aller Fotos von unserem Planeten.
Diese Bilder sind möglicherweise die wichtigsten Mitbringsel der Astronauten von ihren Mondflügen. Sie haben unseren Blick auf unser eigenes kosmisches Quartier verändert.

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Frei von der Leber weg?

Gestern habe ich ganz ungefragt und leider auch ohne jeden Zwang die Wahrheit gesagt. Sollte es nach Karl Kraus gehen, so verdiente ich keinerlei Nachsicht. Für ihn ist zwar eine Notlüge verzeihlich, nicht jedoch das unverblümte Aussprechen dessen, was man für die Wahrheit hält. Unwillkürlich drängt sich mir nun die Frage auf: Würde Karl Kraus immer noch so urteilen, angesichts einer gesellschaftlichen Realität, in der das Verhehlen, Vertuschen, Tricksen, Taktieren, Schwindeln und Belügen längst zur Normalität geworden ist?

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Der Klügere gibt nach?

Unlängst wieder Streitigkeiten. Worüber? Weshalb? Das spielt eigentlich keine Rolle, denn Anlässe finden manche Zeitgenossen immer. Auch die eigene Streitlust findet sie.
Am Abend dann das Gespräch darüber mit einer Freundin. Und ich wusste es ja, was kommen musste wie das Amen in der Kirche, früher oder später: „Komm, lass sie einfach! Der Klügere gibt nach.“

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Was gut ist, und was nicht

Am Frankfurter Hauptbahnhof kann mir keiner sagen, wie es weiter geht. Die Gewerkschaft EVG streikt und die Notfallmaßnahmen der Deutschen Bahn vermitteln erneut den Eindruck, als versuchten durchaus bemühte Dilettanten zum ersten Mal eines solchen Problems Herr zu werden. Die kaum zu verhindernden Windows-Betriebssystem-Aktualisierungen treiben mir regelmäßig die Schweißtropfen auf die Stirn, denn beim letzten Funktionsupdate lieferte Microsoft zunächst eine Version aus, die in einigen Fällen persönliche Fotos und Dokumente der Nutzer nahezu unwiederbringlich löschte.

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Verantwortungsvolles Weltverbessern

„Ja, aber das willst Du nicht ernsthaft kaufen, oder? Du weißt schon, unter welchen Bedingungen das hergestellt wird?“ Ich nicke stumm und hänge das T-Shirt zurück an den Ständer, über dem in schreienden Farben das Wort „Sale“ prangt. Ja, meine Freundin hat Recht, hat sie wirklich. Aber nachdem wir schon über Kerzen ohne Palmfett, Brötchen ohne Gluten, Gurken ohne Plastikverpackung und Weine ohne veganen Etikettenkleber gesprochen haben, während ich mit ihr einen Kaffee- bzw. einen Sojalatte im Bambusbecher (ist das eigentlich okay?) getrunken habe, bin ich langsam an meinen Grenzen angelangt. Sie hat Recht, immer – und ich ständig ein schlechtes Gewissen. Aber wie gelingt es bloß, alles gut und richtig zu machen?

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Die letzten Trümpfe der Menschheit

Manchmal überfällt mich nachts ein Schemen, ein Bild, ein Gedanke gar und reißt mich aus dem Schlaf. Dann formt sich, scheinbar von ganz allein, ein Text. Heute Morgen um fünf Uhr öffnete sich das Fenster der Erinnerung und ich saß mit zwei Gästen in meiner Wohnung in New Delhi. Beide waren zu Kurzzeitdozenturen an die Universität gekommen, wo ich als DAAD-Lektor deutsche Kultur und Philosophie unterrichtete. Der Leibniz-Kenner Hans Poser von der Freien Universität Berlin war der eine, den Namen des anderen erinnere ich nicht mehr, wohl aber, dass ich von ihm tief beeindruckt war, weil er seine Auszeit von akademischen Pflichten mit der Lektüre von Thomas Manns Joseph-Roman füllte. Und klar und deutlich stieg mir heute Nacht das Thema jenes Abends vor Augen. Vor einem Vierteljahrhundert machte eine neue ökologische Idee die Runde: das Handeln mit CO2-Zertifikaten. Weiterlesen Die letzten Trümpfe der Menschheit

Neugierig?

Seit langer Zeit kann ich wieder einmal meine Freundin seit Studientagen besuchen. Sie lebt in häuslicher Gemeinschaft mit zwei Stubentigern beiderlei Geschlechts, denen ich fremd und unbekannt bin. Als wir die Wohnungstür öffnen, nähert sich mir die eine in katzentypisch mäandernder Gangart, die ihr Interesse am Neuankömmling schwerlich zu verbergen vermag. Nach der ersten schnuppernden Kontaktaufnahme und erst recht nach der offenbar zufriedenstellend ausgefallenen Überprüfung meiner Streichelkompetenz sucht sie immer wieder meine Nähe. Der Kater hält sich dagegen scheu zurück – er ist mit sich selbst und seinen akuten gesundheitlichen Problemen beschäftigt. Weiterlesen Neugierig?

Wo sind wir, wenn wir lesen?

Keine Messe erfreut sich einer solch‘ medialen Aufmerksamkeit wie die der Bücher. Doch es sind nicht etwa triumphale Umsatzrekorde, die Schlagzeilen machen, eher umtreibt die Branche die Sorge um ein altehrwürdiges Kulturgut. Denn jedes Mal begleiten klagende Töne der Verleger die Gipfeltreffen in Leipzig und Frankfurt: es werde immer weniger gelesen! Eine Ermahnung an Elternhaus, Schule und Universität, ja an die Gesellschaft überhaupt: Mit dem Lesen stehe und falle die Mündigkeit des Bürgers. Eine Zivilgesellschaft ohne Leser? Undenkbar!

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