Kolumnen

Wem die Stunde schlägt

Den Soundtrack dieser letzten Tage des Jahres produziert für mich das Martinshorn der Notarzt-, Rettungs- und Krankenwagen, das mich mittlerweile auf jedem Mittagsspaziergang zu begleiten scheint. Der Heulton mag wohl für manche, deren Notlage er gilt, das Vorspiel zum Rhythmus des Beatmungsgeräts oder gar zur Totenglocke bedeuten und so wandern meine Gedanken zum Satz „Wem die Stunde schlägt“. Dieser erinnert mich (als Nebenfach-Anglist) weniger an den Titel des Romans von Ernest Hemingway über den spanischen Bürgerkrieg, den darauf basierenden Kinofilm oder den gleichnamigen Metallica Song, sondern vordringlich an ein Werk des englischen Dichters John Donne (1572-1631).

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Die Rechte der Natur

Seit der Publikation der »Grenzen des Wachstums« (Denis Meadows/Club of Rome) im Jahr 1972 haben viele Staaten umweltpolitische Maßnahmen in Gesetzen verankert. Doch den fortschreitenden Trend zur Kontamination der Umweltmedien (Wasser, Luft und Böden) wie auch zum großen Artensterben haben sie nicht umkehren können. Die Gründe dafür sind bekannt. Auch die Hoffnungen, es könnten freiwillige Selbstverpflichtungen der Industrie, des Handels und des Konsums eine Trendumkehr bewirken, haben sich als substanzlos erwiesen. Gegenwärtig setzen die Politik und die Wirtschaft auf smarte Technologien, mit denen der Verbrauch an natürlichen Ressourcen reduziert werden soll. Doch bislang hat sich jeder technische Fortschritt als energiehungrig erwiesen.

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Die Kunst des Wegsehens

Vor vierhundert Jahren forderte Galileo Galilei die Philosophen der Universität Padua auf, durch sein selbstgebautes Fernrohr zu schauen, um die Jupitermonde zu betrachten. Nicht weniger als das letzte kosmologische Privileg der Erde stand auf dem Spiel. Denn auch wenn unter den Gelehrten Europas weitgehend Einigkeit herrschte, dass die Erde nicht im Mittelpunkt des Universums steht, so könne sich wenigstens kein anderer Himmelskörper mit einem Mond schmücken.

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Die Nacht, in der das Fürchten wohnt…

Die letzten Wochen und Monate waren in der Tat ein Ausnahmezustand und vielleicht ist die Gegenwart noch immer eine Ausnahme von der Regel, als Beginn von etwas, das sich den Namen Normalität noch nicht verdienen konnte. Ein Leben auf schwankenden Eisschollen, der Soziologe Hartmut Rosa würde sagen auf „rutschenden Abhängen“, aber vielleicht auch – zumindest für Momente –  ein Tanz auf den Wellen.

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Wirkliche Anerkennung

Die nach dem Anlaufen der ersten Corona-Woge offenbar überraschend als „systemrelevant“ erkannten, als „Heldinnen und Helden des Alltags“ apostrophierten und abendlich beklatschten Pflegekräfte erhalten eine offizielle Anerkennung: einen einmaligen Bonus von maximal 1.500 €, allerdings beschränkt auf die in der Altenpflege Tätigen – die Krankenhausbeschäftigten bleiben mit dem Argument, sie verdienten schon jetzt besser, außen vor. Dabei gingen gerade sie ein hohes Risiko ein: viele Tausende Beschäftigte in Krankenhäusern und Arztpraxen infizierten sich mit SARS-CoV-2 – nicht bei Familienfeiern oder Ballermann-Partys, sondern in ihrer systemrelevanten Arbeit.

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Gefühlte Hilflosigkeit

Noch bevor die Auswirkungen des Klimawandels nicht nur lokal, sondern für alle massiv spürbar werden, hat eine Pandemie mit enormen Ausmaßen von Infizierten und Todesfällen die Welt überrascht. Die gegen sie initiierten Maßnahmen setzen vielerorts das für normal Gehaltene außer Kraft. Plötzlich wirkt es, als herrschten in einer liberalen, die individuelle Autonomie als höchsten Wert propagierenden Gesellschaft nur mehr die staatlichen Organe darüber, wie sich unser Alltag gestaltet. Weiterlesen Gefühlte Hilflosigkeit

„Die Treppe im Teich“

Von ihr war gestern die Rede, denn sie benötigt gründliche Wartung.
Dieser einigermaßen profane Hinweis mit alliterativem Sound riss mich abrupt aus müden Lektüren und riss mich hin und fort. Vor meinem inneren Auge sah ich sie, diese baufällige, morsche Treppe, ich sah sie lichtvoll draußen in der Frühlingssonne glänzen, eine generöse Augenweide, der ich mich in meiner dumpfen, schattigen Büchergruft auf ungehörige Weise entzogen hatte: Nach den ausgebleichten oberen Stiegen, die noch aus dem Wasser ragten, ging es über eine zunehmend glitschige Stufenleiter hinab in immer trübere Regionen, hinein in eine kühle, undurchsichtige Unterwelt voller winzig-wimmelnder Teilchen und Lebewesen. Diese Treppe — so schien es mir — war ein Symbol für vieles.

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Heidegger in schweren Zeiten?

Heimatverbundenheit und Bodenständigkeit sind Schlüsselworte in der Lebens- und Gedankenwelt Martin Heideggers. Es sind Worte, denen wir uns längst nicht mehr vorbehaltlos anvertrauen können, und zwar aus guten Gründen: Missbraucht in finstersten Zeiten haftet diesen Begriffen ein Geruch der Verdorbenheit an, ein Muff des Philiströsen und Engstirnigen, aus dem, wie wir gesehen haben und immer wieder sehen müssen, nur allzu leicht Ressentiment und Fremdenfeindlichkeit erwachsen. So ist zweifellos richtig: Nicht die fortschrittlichsten Kräfte unserer Zeit berufen sich auf diese Werte. —Denn wie soll man sich dazu bekennen, wenn ein Meer von Geflüchteten an den Außengrenzen Europas — herbe von uns zurückgewiesen — in Morast und verzweifelter Resignation versinkt? Zynisch erscheint es, von sozialer Zugehörigkeit, heimeliger Geborgenheit oder gar urwüchsiger Seinsnähe zu schwärmen, wenn immer mehr Menschen ihre Wurzeln kappen und zu Fuß ganze Kontinente durchqueren, um den elenden Zuständen ihrer Herkunfts- und Heimatorte zu entkommen. Weiterlesen Heidegger in schweren Zeiten?

Der soziale Körper muss gesunden

Europa ist stolz auf seine philosophische Tradition. Die Folgen jahrhundertelanger Gedankenarbeit und politischer Kämpfe: Wohl begründete Freiheitsrechte, Rechte des Einzelnen, gegründet auf ein Menschenbild, das mit dem Ausdruck „Sakralität der Person“ bestens auf den Begriff gebracht ist – anschlussfähig also mit der religiösen Überlieferung. Von Thomas Hobbes über John Locke und David Hume bis zu John Stuart Mill läuft eine Linie, die den Staat zum Garanten individueller Selbstentfaltung erkoren hat. Neben der pragmatischen angelsächsischen Tradition stützten Freiheitsdenker wie Spinoza und Kant die Forderungen nach Selbstbestimmung systematisch ab. Die Feier des Individuums prägt unsere westliche Lebensform. Wenn der Sinn der Politik die Freiheit ist, so deshalb, weil Freiheit dem Ich den Lebensraum gibt. Das Ich ist Angelpunkt unserer Wertewelt.

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