Kolumnen

Wo sind wir, wenn wir lesen?

Keine Messe erfreut sich einer solch‘ medialen Aufmerksamkeit wie die der Bücher. Doch es sind nicht etwa triumphale Umsatzrekorde, die Schlagzeilen machen, eher umtreibt die Branche die Sorge um ein altehrwürdiges Kulturgut. Denn jedes Mal begleiten klagende Töne der Verleger die Gipfeltreffen in Leipzig und Frankfurt: es werde immer weniger gelesen! Eine Ermahnung an Elternhaus, Schule und Universität, ja an die Gesellschaft überhaupt: Mit dem Lesen stehe und falle die Mündigkeit des Bürgers. Eine Zivilgesellschaft ohne Leser? Undenkbar!

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Seid neugierig! Zum Tod von Stephen Hawking

Er spricht mit einer Stimme flirrenden Metalls. Sein Kopf ist zur Seite gesunken, der Unterkiefer hängt, als sei er aus dem Mund gefallen, keinen Muskel kann er mehr bewegen. Als er, schon längst an den Rollstuhl gefesselt, durch einen Luftröhrenschnitt seine Stimme verlor, kommunizierte er mit der Wissenschaftsgemeinschaft über seinen Sprachcomputer, zunächst kommandierte er ihn mit seiner schwachen Hand, und als die ihren Dienst versagte, mit seinem Augenspiel. Er ließ sich einfach nicht unterkriegen, seine Krankheit habe ihm die Augen dafür geöffnet, was er mit seinem Leben noch alles anfangen wolle, schrieb er einmal über sich.  Weiterlesen Seid neugierig! Zum Tod von Stephen Hawking

Leitkultur? Ja oder nein, deutsch oder europäisch?

Letzten Sommer unternahm ich mit meiner Tochter eine mehrtägige Radtour entlang der Elbe. Sattgrüne Flussauen, hochwassertauglich, hier atmet man noch Insekten ein. Ruhig fließt das schwärzliche Wasser, in dem sich vereinzelte Strudel drehen. Der Weltbetrieb scheinbar Lichtjahre entfernt. Kleine Dörfer mit verfallenden Häusern, überwuchert von verwilderten Gärten, die Natur kehrt zurück. Kein Mensch zeigt sich auf der Straße, und wenn Laute vernehmbar sind, dann kommen sie gedämpft aus einem geöffneten Fenster. Ein Gespräch? Nein, es legt sich Musik darüber, es ist nur der Fernseher, die Sprache entstammt einem fremden Drehbuch. Heimat? Viele scheinen Reißaus genommen zu haben von ihr.

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Pearls before breakfast. Ein Konzert für alle Sinne oder wie begegnet uns Schönheit?

Im Jahr 2007 spielte ein junger Musiker in einer Washingtoner U-Bahn-Station morgens um kurz vor acht auf seiner Geige. Bach – mitten in der Rushhour. Die meisten Menschen eilten vorbei, einige hielten nur kurz an oder warfen im Vorüberhasten ein paar Münzen in seinen Geigenkasten. Mütter zogen ihre Kinder in Richtung Ausgang und am Ende hatte der Musiker ein einstündiges Konzert gegeben und gerade einmal 32$ eingenommen. Nur weniger Tage zuvor hatte er dieselben Stücke in Boston gespielt, vor ausverkauftem Haus bei Ticketpreisen von über 100$. Der Geiger war Joshua Bell, einer der berühmtesten US-Violinisten weltweilt und sein Konzert an diesem ungewöhnlichen Ort ein Experiment der Washington Post.

Was aber folgt aus diesem Morgen in der Washingtoner U-Bahn?

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Heimatlos und unbehaust

Manchmal genügt schon ein grauer Novembertag, um sich nicht in der Welt zu Hause zu fühlen. Nässe, Dunkelheit, Kälte erwecken den Eindruck allgemeiner Tristesse und schlagen uns atmosphärisch aufs Gemüt. Da wächst der Wunsch, alle Schotten dicht zu machen und sich aus der Welt zurückzuziehen. Wenn es der Terminkalender erlaubt, kann man in den eigenen vier Wänden bleiben, und es sich heimelig machen. Eine Kanne Wohlfühltee, die kuschelige Decke und die Lieblingsserie im Fernsehen versprechen mollige innere und äußere Wärme und angenehme Ablenkung.

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Kein Pappenstiel

Der Ford Explorer zwängt sich noch so eben durch die schmale Einfahrt, parkt mitten im Garagenhof. Herr X steigt aus, begrüßt die dort Wartenden, mich zuletzt. Zu diesem Zweck rückt er ganz nah an mich heran, berührt mich fast, so dass ich unweigerlich im spitzen Winkel emporblicken muss, zu ihm, dem Zwei-Meter-Mann. Eine Drohgebärde, wie ich sofort begreife, als der knappen Begrüßung harsche Worte folgen – über inadäquate Garagennutzung und unerlaubtes Rauchen auf dem Balkon. Weiterlesen Kein Pappenstiel

Der Glanz des ganz normalen Alltags

Die Ferien sind vorbei, seit ein paar Tagen herrscht wieder Alltag, gar nicht so einfach, sich nach (doch nur) zwei Wochen zurück in eine Welt zu holen, in der klare Zeiten den Takt vorgeben, gemeinsam gegessen werden will, zu bestimmten Zeit Sport und zu anderen Musik gemacht wird – vorgegebene Strukturen, die für eine kurze Auszeit mit völliger Abwesenheit geglänzt haben. Weiterlesen Der Glanz des ganz normalen Alltags

Wie wäre eine Welt ohne Konjunktiv?

In seinem monumentalen, grandios gescheiterten, weil nie vollendeten und deshalb vielleicht sogar famos gelungenen Roman Der Mann ohne Eigenschaften sinnt Robert Musil über den Möglichkeitssinn nach. Es müsse ihn doch geben, schließlich gibt es ja auch Wirklichkeitssinn. Der Möglichkeitssinn besteht in der Fähigkeit, »alles, was ebensogut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist.« Verstehe man ihn recht, diesen Möglichkeitssinn, verwechsle man ihn also nicht mit der Flucht vor der Wirklichkeit, dann erkenne man in ihm »die noch nicht erwachten Absichten Gottes«. Weiterlesen Wie wäre eine Welt ohne Konjunktiv?

Geraniengerangel

Ich bin hoffnungslos von gestern. Worte wie Lauben- oder Lindengang kenne ich allenfalls  aus der Lyrik Goethes oder der Romantiker. Sie rufen in mir milde Bilder von beschatteten Wegen, von flirrenden Sonnenflecken in weiten Parklandschaften oder stillen dörflichen Gärten hervor. Vermutlich wegen dieser eher unzeitgemäßen poetischen Neigung hat es mich eiskalt erwischt, als ich plötzlich eines dieser wundersamen Worte in einem nüchtern-prosaischen Anwaltsbrief zu lesen hatte. Weiterlesen Geraniengerangel