Kolumnen

Die Kunst des Wegsehens

Vor vierhundert Jahren forderte Galileo Galilei die Philosophen der Universität Padua auf, durch sein selbstgebautes Fernrohr zu schauen, um die Jupitermonde zu betrachten. Nicht weniger als das letzte kosmologische Privileg der Erde stand auf dem Spiel. Denn auch wenn unter den Gelehrten Europas weitgehend Einigkeit herrschte, dass die Erde nicht im Mittelpunkt des Universums steht, so könne sich wenigstens kein anderer Himmelskörper mit einem Mond schmücken.

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Die Nacht, in der das Fürchten wohnt…

Die letzten Wochen und Monate waren in der Tat ein Ausnahmezustand und vielleicht ist die Gegenwart noch immer eine Ausnahme von der Regel, als Beginn von etwas, das sich den Namen Normalität noch nicht verdienen konnte. Ein Leben auf schwankenden Eisschollen, der Soziologe Hartmut Rosa würde sagen auf „rutschenden Abhängen“, aber vielleicht auch – zumindest für Momente –  ein Tanz auf den Wellen.

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Wirkliche Anerkennung

Die nach dem Anlaufen der ersten Corona-Woge offenbar überraschend als „systemrelevant“ erkannten, als „Heldinnen und Helden des Alltags“ apostrophierten und abendlich beklatschten Pflegekräfte erhalten eine offizielle Anerkennung: einen einmaligen Bonus von maximal 1.500 €, allerdings beschränkt auf die in der Altenpflege Tätigen – die Krankenhausbeschäftigten bleiben mit dem Argument, sie verdienten schon jetzt besser, außen vor. Dabei gingen gerade sie ein hohes Risiko ein: viele Tausende Beschäftigte in Krankenhäusern und Arztpraxen infizierten sich mit SARS-CoV-2 – nicht bei Familienfeiern oder Ballermann-Partys, sondern in ihrer systemrelevanten Arbeit.

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Gefühlte Hilflosigkeit

Noch bevor die Auswirkungen des Klimawandels nicht nur lokal, sondern für alle massiv spürbar werden, hat eine Pandemie mit enormen Ausmaßen von Infizierten und Todesfällen die Welt überrascht. Die gegen sie initiierten Maßnahmen setzen vielerorts das für normal Gehaltene außer Kraft. Plötzlich wirkt es, als herrschten in einer liberalen, die individuelle Autonomie als höchsten Wert propagierenden Gesellschaft nur mehr die staatlichen Organe darüber, wie sich unser Alltag gestaltet. Weiterlesen Gefühlte Hilflosigkeit

„Die Treppe im Teich“

Von ihr war gestern die Rede, denn sie benötigt gründliche Wartung.
Dieser einigermaßen profane Hinweis mit alliterativem Sound riss mich abrupt aus müden Lektüren und riss mich hin und fort. Vor meinem inneren Auge sah ich sie, diese baufällige, morsche Treppe, ich sah sie lichtvoll draußen in der Frühlingssonne glänzen, eine generöse Augenweide, der ich mich in meiner dumpfen, schattigen Büchergruft auf ungehörige Weise entzogen hatte: Nach den ausgebleichten oberen Stiegen, die noch aus dem Wasser ragten, ging es über eine zunehmend glitschige Stufenleiter hinab in immer trübere Regionen, hinein in eine kühle, undurchsichtige Unterwelt voller winzig-wimmelnder Teilchen und Lebewesen. Diese Treppe — so schien es mir — war ein Symbol für vieles.

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Heidegger in schweren Zeiten?

Heimatverbundenheit und Bodenständigkeit sind Schlüsselworte in der Lebens- und Gedankenwelt Martin Heideggers. Es sind Worte, denen wir uns längst nicht mehr vorbehaltlos anvertrauen können, und zwar aus guten Gründen: Missbraucht in finstersten Zeiten haftet diesen Begriffen ein Geruch der Verdorbenheit an, ein Muff des Philiströsen und Engstirnigen, aus dem, wie wir gesehen haben und immer wieder sehen müssen, nur allzu leicht Ressentiment und Fremdenfeindlichkeit erwachsen. So ist zweifellos richtig: Nicht die fortschrittlichsten Kräfte unserer Zeit berufen sich auf diese Werte. —Denn wie soll man sich dazu bekennen, wenn ein Meer von Geflüchteten an den Außengrenzen Europas — herbe von uns zurückgewiesen — in Morast und verzweifelter Resignation versinkt? Zynisch erscheint es, von sozialer Zugehörigkeit, heimeliger Geborgenheit oder gar urwüchsiger Seinsnähe zu schwärmen, wenn immer mehr Menschen ihre Wurzeln kappen und zu Fuß ganze Kontinente durchqueren, um den elenden Zuständen ihrer Herkunfts- und Heimatorte zu entkommen. Weiterlesen Heidegger in schweren Zeiten?

Der soziale Körper muss gesunden

Europa ist stolz auf seine philosophische Tradition. Die Folgen jahrhundertelanger Gedankenarbeit und politischer Kämpfe: Wohl begründete Freiheitsrechte, Rechte des Einzelnen, gegründet auf ein Menschenbild, das mit dem Ausdruck „Sakralität der Person“ bestens auf den Begriff gebracht ist – anschlussfähig also mit der religiösen Überlieferung. Von Thomas Hobbes über John Locke und David Hume bis zu John Stuart Mill läuft eine Linie, die den Staat zum Garanten individueller Selbstentfaltung erkoren hat. Neben der pragmatischen angelsächsischen Tradition stützten Freiheitsdenker wie Spinoza und Kant die Forderungen nach Selbstbestimmung systematisch ab. Die Feier des Individuums prägt unsere westliche Lebensform. Wenn der Sinn der Politik die Freiheit ist, so deshalb, weil Freiheit dem Ich den Lebensraum gibt. Das Ich ist Angelpunkt unserer Wertewelt.

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„Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende“?

Das Zitat des heute kaum mehr bekannten Haudegens Ferdinand von Schill (6.1.1776 – 31.5.1809)[1] bei einer Ansprache auf dem Marktplatz von Arneburg an der Elbe am 12. Mai 1809 kommt heute wohl manchen in den Sinn. Ferdinand von Schill soll oft passende Worte gefunden haben, um die Menschen auf der Straße und die einfachen Leute anzusprechen. Man muss ihn deshalb nicht für einen Populisten halten. Doch wie dem auch sei, in Anspielung auf Psalm 73,19 rief der damalige Kommandeur eines Freicorps den Menschen in Arneburg zur Ermutigung zu: „Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.“ Weiterlesen „Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende“?

Angst

Ja, geben wir es uns zu, wir haben Angst. Überwiegend gilt sie nicht unserer eigenen Gesundheit, die jüngeren unter uns lassen kaum ja Symptome aufkeimen, und die Infektionsraten des Corona-Virus liegen immer noch im Promille-Bereich. Die Anderen sind nur statistisch gesehen eine Bedrohung. Aber diese ferne Bedrohung mutiert zu Angst-Szenarien an den Regalen der Supermärkte, der Börsenkurse, der einzelnen ungeschützten Existenzen von den Gastwirten bis zur Kreativwirtschaft. Die Angst frisst sich durch alle Bereiche unseres Lebens. Irgendwie ist etwas gewaltig in Unordnung geraten. Wir haben Angst um die Stabilität unseres Systems. Ganze Wirtschaftszweige können jetzt wegbrechen und für viele Jahre von der Bildfläche verschwinden. Die Welt von morgen, plötzlich können wir sie uns nicht mehr vorstellen. Aber gewiss ist, dass sie eine ganz andere Welt sein wird als die, die wir gewohnt sind. Weiterlesen Angst