Kolumnen

Verantwortungsvolles Weltverbessern

„Ja, aber das willst Du nicht ernsthaft kaufen, oder? Du weißt schon, unter welchen Bedingungen das hergestellt wird?“ Ich nicke stumm und hänge das T-Shirt zurück an den Ständer, über dem in schreienden Farben das Wort „Sale“ prangt. Ja, meine Freundin hat Recht, hat sie wirklich. Aber nachdem wir schon über Kerzen ohne Palmfett, Brötchen ohne Gluten, Gurken ohne Plastikverpackung und Weine ohne veganen Etikettenkleber gesprochen haben, während ich mit ihr einen Kaffee- bzw. einen Sojalatte im Bambusbecher (ist das eigentlich okay?) getrunken habe, bin ich langsam an meinen Grenzen angelangt. Sie hat Recht, immer – und ich ständig ein schlechtes Gewissen. Aber wie gelingt es bloß, alles gut und richtig zu machen?

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Die letzten Trümpfe der Menschheit

Manchmal überfällt mich nachts ein Schemen, ein Bild, ein Gedanke gar und reißt mich aus dem Schlaf. Dann formt sich, scheinbar von ganz allein, ein Text. Heute Morgen um fünf Uhr öffnete sich das Fenster der Erinnerung und ich saß mit zwei Gästen in meiner Wohnung in New Delhi. Beide waren zu Kurzzeitdozenturen an die Universität gekommen, wo ich als DAAD-Lektor deutsche Kultur und Philosophie unterrichtete. Der Leibniz-Kenner Hans Poser von der Freien Universität Berlin war der eine, den Namen des anderen erinnere ich nicht mehr, wohl aber, dass ich von ihm tief beeindruckt war, weil er seine Auszeit von akademischen Pflichten mit der Lektüre von Thomas Manns Joseph-Roman füllte. Und klar und deutlich stieg mir heute Nacht das Thema jenes Abends vor Augen. Vor einem Vierteljahrhundert machte eine neue ökologische Idee die Runde: das Handeln mit CO2-Zertifikaten. Weiterlesen Die letzten Trümpfe der Menschheit

Neugierig?

Seit langer Zeit kann ich wieder einmal meine Freundin seit Studientagen besuchen. Sie lebt in häuslicher Gemeinschaft mit zwei Stubentigern beiderlei Geschlechts, denen ich fremd und unbekannt bin. Als wir die Wohnungstür öffnen, nähert sich mir die eine in katzentypisch mäandernder Gangart, die ihr Interesse am Neuankömmling schwerlich zu verbergen vermag. Nach der ersten schnuppernden Kontaktaufnahme und erst recht nach der offenbar zufriedenstellend ausgefallenen Überprüfung meiner Streichelkompetenz sucht sie immer wieder meine Nähe. Der Kater hält sich dagegen scheu zurück – er ist mit sich selbst und seinen akuten gesundheitlichen Problemen beschäftigt. Weiterlesen Neugierig?

Wo sind wir, wenn wir lesen?

Keine Messe erfreut sich einer solch‘ medialen Aufmerksamkeit wie die der Bücher. Doch es sind nicht etwa triumphale Umsatzrekorde, die Schlagzeilen machen, eher umtreibt die Branche die Sorge um ein altehrwürdiges Kulturgut. Denn jedes Mal begleiten klagende Töne der Verleger die Gipfeltreffen in Leipzig und Frankfurt: es werde immer weniger gelesen! Eine Ermahnung an Elternhaus, Schule und Universität, ja an die Gesellschaft überhaupt: Mit dem Lesen stehe und falle die Mündigkeit des Bürgers. Eine Zivilgesellschaft ohne Leser? Undenkbar!

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Seid neugierig! Zum Tod von Stephen Hawking

Er spricht mit einer Stimme flirrenden Metalls. Sein Kopf ist zur Seite gesunken, der Unterkiefer hängt, als sei er aus dem Mund gefallen, keinen Muskel kann er mehr bewegen. Als er, schon längst an den Rollstuhl gefesselt, durch einen Luftröhrenschnitt seine Stimme verlor, kommunizierte er mit der Wissenschaftsgemeinschaft über seinen Sprachcomputer, zunächst kommandierte er ihn mit seiner schwachen Hand, und als die ihren Dienst versagte, mit seinem Augenspiel. Er ließ sich einfach nicht unterkriegen, seine Krankheit habe ihm die Augen dafür geöffnet, was er mit seinem Leben noch alles anfangen wolle, schrieb er einmal über sich.  Weiterlesen Seid neugierig! Zum Tod von Stephen Hawking

Leitkultur? Ja oder nein, deutsch oder europäisch?

Letzten Sommer unternahm ich mit meiner Tochter eine mehrtägige Radtour entlang der Elbe. Sattgrüne Flussauen, hochwassertauglich, hier atmet man noch Insekten ein. Ruhig fließt das schwärzliche Wasser, in dem sich vereinzelte Strudel drehen. Der Weltbetrieb scheinbar Lichtjahre entfernt. Kleine Dörfer mit verfallenden Häusern, überwuchert von verwilderten Gärten, die Natur kehrt zurück. Kein Mensch zeigt sich auf der Straße, und wenn Laute vernehmbar sind, dann kommen sie gedämpft aus einem geöffneten Fenster. Ein Gespräch? Nein, es legt sich Musik darüber, es ist nur der Fernseher, die Sprache entstammt einem fremden Drehbuch. Heimat? Viele scheinen Reißaus genommen zu haben von ihr.

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Pearls before breakfast. Ein Konzert für alle Sinne oder wie begegnet uns Schönheit?

Im Jahr 2007 spielte ein junger Musiker in einer Washingtoner U-Bahn-Station morgens um kurz vor acht auf seiner Geige. Bach – mitten in der Rushhour. Die meisten Menschen eilten vorbei, einige hielten nur kurz an oder warfen im Vorüberhasten ein paar Münzen in seinen Geigenkasten. Mütter zogen ihre Kinder in Richtung Ausgang und am Ende hatte der Musiker ein einstündiges Konzert gegeben und gerade einmal 32$ eingenommen. Nur weniger Tage zuvor hatte er dieselben Stücke in Boston gespielt, vor ausverkauftem Haus bei Ticketpreisen von über 100$. Der Geiger war Joshua Bell, einer der berühmtesten US-Violinisten weltweilt und sein Konzert an diesem ungewöhnlichen Ort ein Experiment der Washington Post.

Was aber folgt aus diesem Morgen in der Washingtoner U-Bahn?

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Heimatlos und unbehaust

Manchmal genügt schon ein grauer Novembertag, um sich nicht in der Welt zu Hause zu fühlen. Nässe, Dunkelheit, Kälte erwecken den Eindruck allgemeiner Tristesse und schlagen uns atmosphärisch aufs Gemüt. Da wächst der Wunsch, alle Schotten dicht zu machen und sich aus der Welt zurückzuziehen. Wenn es der Terminkalender erlaubt, kann man in den eigenen vier Wänden bleiben, und es sich heimelig machen. Eine Kanne Wohlfühltee, die kuschelige Decke und die Lieblingsserie im Fernsehen versprechen mollige innere und äußere Wärme und angenehme Ablenkung.

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Kein Pappenstiel

Der Ford Explorer zwängt sich noch so eben durch die schmale Einfahrt, parkt mitten im Garagenhof. Herr X steigt aus, begrüßt die dort Wartenden, mich zuletzt. Zu diesem Zweck rückt er ganz nah an mich heran, berührt mich fast, so dass ich unweigerlich im spitzen Winkel emporblicken muss, zu ihm, dem Zwei-Meter-Mann. Eine Drohgebärde, wie ich sofort begreife, als der knappen Begrüßung harsche Worte folgen – über inadäquate Garagennutzung und unerlaubtes Rauchen auf dem Balkon. Weiterlesen Kein Pappenstiel